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An der Grenze:
Treffurt


Paar Tage vor dem Ende der Ausbildung in Eisenach erfuhren wir unsere Einsatzorte an der Grenze. Treffurt empfand ich als Glücksfall: Es lag relativ dicht an Eisenach, das bedeutete einen gewissen zivilisatorischen Mindeststandard und eine ziemlich gute Verkehrsverbindung für den Urlaub. Mit z.B. der Rhön hätte es mich wesentlich schlimmer treffen können, die lag ja - im übertragenen Sinne - kurz vor Sibirien.

In der "Huscha" Treffurt - so (in Anlehnung an die Abkürzung für die Hundertschaften des BGS) die umgangssprachliche Bezeichnung für die Grenzkompanien, die offiziell nicht gern gehört wurde - wurde ich "Schweinfahrer" (sprich: Kradfahrer). Wie bereits erwähnt, ersparte mir dies längere Touren als Fußgänger und zudem kam ich um den "Test" herum, den die Postenführer (PF) des 3. Diensthalbjahres gern mit den Posten des 2. Diensthalbjahres veranstalteten: "Werrarunden" mit dem Funkgerät. Im Abschnitt Werra führte ein Plattenweg ringsherum durch die Werraniederung und wenn der PF "Werrarunde" anforderte musste der Posten Funkgerät, seine eigene Verpflegungstasche (Tasche vom Sturmgepäck) und die des Postenführers schleppen. Ich packte einfach alles auf die Seitenträger der 250er TS und dann wurden die 4 bis 5 km eben im lockeren Tempo gefahren. Bei sommerlicher Hitze war das sogar eine willkommene Abkühlung.
Ab und zu gab es auch paar Sonderaufträge, wenn Dokumente oder auch nur ein paar Propagandafilme ins Bataillon oder gar ins Regiment nach Mühlhausen gebracht werden musste. Da das Motorrad ein billigeres Transportmittel als ein P3 oder ein "LO" war, durfte man mal ein längeres Stück auf zivilen Straßen ohne Knarre drehen. Das machte mir, der ich privat nur ein S51 gehabt hatte, Riesenspaß.
Im Winter kamen die "Eisenschweine" nicht zum Einsatz, das Sturzrisiko mit nachfolgenden Reparaturkosten sollte vermieden werden.

Im Großen und Ganzen hielt sich der "HG"-Zauber (HG = Heimgänger = 3. Diensthalbjahr, woanders hießen die "EK" = Entlassungskandidat) bei uns in Grenzen. Letztendlich wusste jeder, dass er mit dem anderen im Grenzdienst auskommen musste. Die nervliche Belastung war sowieso immens hoch, wir hatten immer die "Kaschi" mit 60 Schuss mit - und da wollte kein HG riskieren, dass jemand wegen einer bösartigen, erniedrigenden Schikane (wie sie bei anderen Waffengattungen üblich waren) durchdrehte und ihm mit etwas Blei den Heimgang versaute.
Ansonsten war es wie überall auf dieser Welt: mit manchen verstand man sich mehr, mit anderen weniger. Wichtig war, dass man bei der Einteilung für sie Schichten jemanden erwischte, mit dem man sich 8 Stunden lang halbwegs vernünftig unterhalten konnte.


Unser Zug (Winterhalbjahr 1983/84)

Der Grenzdienst war vor allem psychisch anstrengend. Täglich 8 Stunden "Schicht", die sich mit Vor- und Nachbereitung, An- und Abfahrt zu 12 Stunden summierten. Zusätzliche Alarmeinsätze, Zusatz- oder 12-Stunden-Schichten an Schwerpunkttagen und der sonst anfallende Dienst in der "Huscha" sorgten für ein permanentes Schlafdefizit. Deshalb lag man de facto auch in jeder freien Minute auf der Matratze und schlief. Viele glichen dies auch durch ein verbotenes Nickerchen im Grenzdienst aus, was ich mir aber immer verkniffen habe, weil bei eventuellen Erwischtwerden der Ort mit der Postleitzahl 133 (Schwedt, dort war der Militärknast) drohte. Mein persönlicher "Rekord" waren 72 Stunden Grenzdienst ohne jeglichen Schlaf im Sommer 1983. Unbedingt lobend zu erwähnen sind die Küchenfrauen (Zivilangestellte), die uns hervorragend verpflegten (ich hatte in den ersten sechs Wochen in Treffurt 6 kg zugenommen) und regelrecht bemutterten.


Unsere Gruppe (Winterhalbjahr 1983/84)

Ausgang gab es auch einmal pro Woche. Allerdings war das Rahmenprogramm wesentlich eintöniger als in Eisenach: Erst Abendbrot im "Ratskeller", dann bis halb 12 nachspülen, dann fix zurück in die "Huscha". Manchmal war an besonderen Tagen (z.B. Fasching) auch Disko, z.B. auf dem Normannstein oder in dem Flachbau an der Werrabrücke. Ansonsten lohnte sich Nachmittagsausgang unter irgendeinem Vorwand nicht, da die Stadt erstens recht klein war und zweitens jede Abweichung vom Genehmigten vor der Rückkehr in die Einheit dort bereits angekommen wäre. Der "Nachrichtendienst" der Einheimischen Richtung "Huscha" funktionierte fast perfekt. Nicht das es ernsthaften Stress zwischen Grenzern und Einwohnern gegeben hätte, aber die Bewohner der Grenzstreifens waren ein wichtiger Faktor der Hinterlandsicherung als Bestandteil des Grenzsicherungssystems. Und schon der Verdacht eines Verstoßes gegen die Grenzordnung wurde weitergegeben.
In begründeten Fällen durfte man auch für einen Nachmittag nach Eisenach fahren - meine immer wieder defekte Brille war so ein "triftiger Grund".

Alles in allem war ich aber dahingehend zufrieden, dass eigentlich kein Tag wie der andere verlief, diese Abwechslung die Zeit verkürzte und mir sinnlose Rennerei über irgendwelche Übungsgelände á la Mot.-Schützen erspart blieb. Trotzdem wurde sehnsüchtig Tag für Tag gezählt und die letzten 150 Tage am Bandmaß abgeschnitten.

Bandmaßpräsentation

Neben dem Bandmaß für die letzten 150 Tage wurden zum Tagezählen auch die üblichen Taschenkalender genutzt, auf denen jeder absolvierte Tag um 18.00 Uhr per Nadel durchstochen wurde. Das Jahr 1984 endete bekanntlich am 26. April... *g*

1983


1984

Und am 26. April 1984 - dem Tag der Entlassung vom Grundwehrdienst - trug jeder von uns das HG-Tuch, auf dem zuvor alle vom Jahrgang HG 84/I sich mit Name und Adresse verewigt hatten.

Entlassungstuch HG 84/I

Einige Fotos vom Treffurter Grenzgebiet findet man auf www.ritter-barum.de/projekte/grenze/index.php (links als Suchbegriff "Treffurt" auswählen).

Fotos und Informationen aus Treffurt und dem ehemaligen Grenzgebiet nach 1989

Grenzabschnitt und Treffurt 2009

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